MODERNE KUNST: SKULPTUR
Ausgewählte Werke
MICHEL SAUER, Sänfte Mandarin
MICHEL SAUER
Sänfte Mandarin, 1992
Holz, Lack, Metall
200 cm H
Michel Sauer entwickelt in seinem Werk eine Bildsprache zwischen Skulptur, Objekt und räumlicher Erinnerung. Die Arbeit „Sänfte Mandarin“ aus dem Jahr 1992 verweist auf kulturelle und historische Formen des Transports und transformiert diese in eine zeitgenössische skulpturale Situation. Ausgangspunkt ist die traditionelle Sänfte als Zeichen von Bewegung, Status und menschlicher Präsenz.
In der künstlerischen Umsetzung löst Sauer den ursprünglichen Funktionszusammenhang des Objekts auf und überführt ihn in einen offenen Denk- und Erfahrungsraum. Die Skulptur erscheint zugleich archaisch und gegenwärtig, vertraut und entrückt. Durch ihre reduzierte Formensprache entfaltet die Arbeit eine stille, beinahe meditative Atmosphäre, in der Fragen nach Last, Schutz, Erinnerung und kultureller Identität anklingen.
Charakteristisch für Sauers Arbeiten ist die Balance zwischen materieller Präsenz und poetischer Offenheit. Die „Sänfte“ wird nicht als rein funktionales Objekt verstanden, sondern als Träger von Geschichten, Bildern und Assoziationen. Der leere Innenraum verweist auf Abwesenheit und Bewegung zugleich und eröffnet den Betrachtenden einen imaginativen Zugang zum Werk.
Mit Sänfte Mandarin schafft Michel Sauer eine Skulptur, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet und den Raum als Ort des Erinnerns und Nachdenkens erfahrbar macht.
Nach ihrer Präsentation im Jahr 2017 im Museum DKM anlässlich der Ausstellung „Ernst Hermanns und sechs Preisträger aus siebzig Jahren. 70 Jahre Junger Westen“ erfährt die Arbeit Sänfte Mandarin von Michel Sauer innerhalb der aktuellen Ausstellungskonstellation eine erneute kunsthistorische Verortung. Die damalige Präsentation vereinte künstlerische Positionen unterschiedlicher Generationen, darunter Otto Boll, Emil Cimiotti, Ernst Hermanns, Stefan Kern, Gereon Krebber sowie Heike Mutter und Ulrich Genth, und stellte die Kontinuität wie auch die Transformation skulpturaler Fragestellungen innerhalb der Nachkriegskunst heraus.
Mit ihrer erneuten Präsenz im Museum tritt die Sänfte Mandarin nun in einen visuellen und konzeptuellen Austausch mit Arbeiten von Gianfredo Camesi (1940 – 2025) und Raimund Kummer (1954). Dabei eröffnen sich Korrespondenzen, die insbesondere Fragen nach Raumwahrnehmung, Körperbezug und der poetischen Aufladung des Objekts betreffen. Michel Sauers skulpturale Praxis bewegt sich zwischen konkreter Form und metaphorischer Offenheit; Alltags- und Kulturformen werden aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst und in einen kontemplativen Erfahrungsraum überführt.
In diesem Kontext erscheint die Arbeit als ein Objekt des Übergangs: zwischen Bewegung und Stillstand, Präsenz und Abwesenheit, archaischer Referenz und zeitgenössischer Raumauffassung. In der Begegnung mit den konzeptuell und raumbezogen arbeitenden Positionen von Camesi und Kummer wird deutlich, wie sehr Sauers Werk an einer erweiterten Definition von Skulptur partizipiert – einer Skulptur, die nicht allein als autonomes Objekt verstanden wird, sondern als Träger von Erinnerung, Imagination und räumlicher Erfahrung.
Der Titel Sänfte Mandarin eröffnet darüber hinaus ein feines Geflecht sprachlicher und kultureller Assoziationen. Das Wort „Mandarin“ verweist unmittelbar auf das Hochchinesische, zugleich aber auch auf ein Bild fernöstlicher Kultur, höfischer Rituale und historischer Erinnerung. Verstärkt wird diese Ebene durch die warme orangefarbene Erscheinung der Skulptur – eine Farbigkeit, die an die Schale der Mandarine ebenso erinnert wie an die Orange. Im klassischen deutschen Sprachgebrauch trägt diese Frucht den Namen „Apfelsine“, was wörtlich nichts anderes bedeutet als „Apfel aus China“ [1]. In dieser beinahe beiläufigen sprachlichen Verschiebung offenbart sich eine subtile Verbindung von Wort, Farbe und Imagination, die sich still in das Werk einschreibt.
Unweigerlich entstehen innere Bilder: von getragenen Sänften in den Straßen Pekings, Shanghais oder Hongkongs, von langsam gleitenden Bewegungen durch dichte urbane Räume, durch Geschichte, Erinnerung und kulturelle Projektionen. Zugleich scheint die Oberfläche der Sänfte Mandarin von einem feinen Schleier überzogen – wie von Staub, Rauch oder atmosphärischer Verdichtung. Gerade diese Wirkung verleiht der Arbeit eine beinahe traumartige Aura und ruft Assoziationen hervor, die weit über das Objekt selbst hinausreichen: Erinnerungen an die Bildwelten kolonialer Vergangenheit, an die geheimnisvoll aufgeladenen Vorstellungen der sogenannten Opiumhäuser sowie an die historischen Spannungen und Verwundungen der Opiumkriege zwischen China und dem Vereinigten Königreich[2].
So entfaltet die Skulptur eine erzählerische Tiefe, die sich nicht eindeutig festlegen lässt. Sie verführt die Betrachtenden dazu, sich in imaginären Räumen, historischen Fragmenten und persönlichen Bildern zu verlieren. Das Werk wird zu einem offenen Gefäß für Projektionen, Erinnerungen und Geschichten – zu einer Skulptur, die weniger eine konkrete Erzählung vorgibt, als vielmehr unendliche innere Erzählungen hervorruft.
Es entsteht der Eindruck, als sei Sänfte Mandarin von Beginn an für das Museum DKM und seine spezifische Aura geschaffen worden.
Günther Schloß, 2025
[1] Apfelsinen, von niederdeutsch appelsina, wörtlich „Apfel aus China/Sina“
[2] Erster Opiumkrieg (1839–1842), Zweiter Opiumkrieg (1856–1860)


