MODERNE KUNST: SKULPTUR
Ausgewählte Werke
Raimund Kummer, Drei grüne Blätter
Drei grüne Blätter aus Murano-Glas erzählen von einem Ort, den sie verlassen haben, und von einer Vergangenheit, die in ihnen nachwirkt. Raimund Kummers Arbeit verbindet die Spuren der Geschichte mit Fragen nach Vergänglichkeit, Erinnerung und dem, was wir zurücklassen. Eine Betrachtung über die geheimnisvolle Kraft der Dinge, die uns im Augenblick begegnen und unsere Vorstellungskraft in Bewegung setzen.
RAIMUND KUMMER
Drei grüne Blätter, 1993
aus: Via vetro verde
Grünes Glas aus Murano
ca. 106 x 63 x 26, 126 x 39 x 16, 117 x 58 x 16 cm LBH
Verlassene Blätter, die bleiben
Drei übergroße, grüne Blätter aus Murano-Glas liegen auf dem Boden des Ausstellungsraumes. Sie stammen von Raimund Kummer. An drei Seiten des Raumes hängen monochrome Bilder von Gianfredo Camesi. Sie erscheinen wie Fenster in den Wänden eines Hofes. Durch sie blickt man in andere Räume und zugleich in eine nicht greifbare Ferne. Die monochromen Flächen scheinen Tiefe zu öffnen, ohne einen bestimmten Ort preiszugeben. Der Blick kann sich in ihnen verlieren und sich eine Welt jenseits der Wand vorstellen. Doch diese Ferne bleibt unbestimmt. Sie lässt sich sehen, aber nicht erreichen.
Die Fenster öffnen den Hof, ohne seine Wände aufzulösen. Der Raum bleibt umschlossen und reicht doch über sich hinaus.
Auf dem Boden dieses Hofes liegen die drei Blätter. Doch es gibt keinen Baum, von dem sie gefallen sein könnten. Sie sind Fremdkörper in diesem Raum.
Wie sind sie hierhergekommen? Sind sie über die Dächer geweht worden? Eine unwahrscheinliche Vorstellung. Denn obwohl sie transparent erscheinen und ihr Grün sie leicht, beinahe schwerelos wirken lässt, wiegt Glas schwer. Die Blätter können nicht einfach vom Wind hierhergetragen worden sein. Ihre Leichtigkeit ist eine optische Täuschung, ihr Gewicht eine materielle Tatsache.
Im Herbst fallen gewöhnliche Blätter von den Bäumen und bedecken den Boden in goldgelben, gelblichbraunen und rötlichen Tönen. Ihre Farben erzählen vom Vergehen, vom Ende eines Lebenszyklus. Diese drei Blätter dagegen leuchten in einem frischen, beinahe unwirklichen Grün. Sie scheinen den Herbst zu dementieren. Sie sind gefallen, ohne zu welken. Das Glas bewahrt ihre Gestalt und entzieht sie zugleich dem natürlichen Kreislauf.
Woher kommen sie?
Ihre Geschichte führt an einen anderen Ort, weit entfernt. Raimund Kummer schuf 1993 die Installation Via Vetro Verde im Museo delle Navi Romane am Lago di Nemi, südlich von Rom. Dort legte er zahlreiche grüne Glasblätter in die freigelegten Spuren einer antiken Straße, die zum Heiligtum der Diana führte. Auf dem alten Weg begegneten Kummers Glasblätter den Spuren einer Vergangenheit, die nicht mehr unmittelbar gegenwärtig war und doch im Boden, in den Überresten und in der Geschichte des Ortes fortbestand.
Nun sind drei dieser Blätter an einem anderen Ort. Sie haben ihren ursprünglichen Zusammenhang verlassen. Im Museum liegen sie auf dem Boden des Hofes, umgeben von den Fenstern, die Camesis monochrome Bilder in den Wänden öffnen. Was bringen sie von ihrem früheren Ort mit? Und was geschieht mit ihnen, wenn sie in eine neue räumliche Ordnung eintreten?
Ihr Ortswechsel bedeutet nicht, dass ihre Geschichte endet. Sie treten in einen neuen Zusammenhang ein, ohne ihre Herkunft zu verlieren. Vielleicht berührt sich darin etwas mit dem Gedanken, der das Museum DKM prägt: Kunst zu bewahren heißt nicht allein, sie vor dem Verschwinden zu schützen. Es heißt auch, ihr einen Ort zu geben, an dem sie weiterwirken kann. Die Werke unserer Sammlung stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Was sie verbindet, ist keine gemeinsame Epoche, sondern eine stille Schönheit, die über ihre Entstehungszeit hinausreicht und sich immer wieder neu erschließt.
Der Schriftsteller Frank Schablewsky machte mich auf die sprachliche Doppeldeutigkeit des englischen Wortes leaves aufmerksam. Es ist der Plural von leaf (Blatt) und zugleich die dritte Person Singular des Verbs to leave: verlassen, fortgehen, zurücklassen. In diesem Wort begegnen sich ein Gegenstand und eine Bewegung. Die Blätter liegen still auf dem Boden, und doch scheint das Wort sie fortgehen zu lassen.
Leaves. Blätter. Verlassen. Fortgehen. Zurücklassen.
Vielleicht erzählen die Blätter auch eine Geschichte des Zurücklassens. Sind es vielleicht aber gar keine gewöhnlichen Blätter? Könnten wir in ihnen drei verlorene Blätter eines Lorbeerkranzes sehen?
Seit der Antike steht der Lorbeerkranz für Sieg und Ruhm. Er zeichnete Dichter, Feldherren und Helden aus. Doch hier liegt kein Kranz. Nur drei einzelne Blätter sind geblieben, losgelöst von dem Zusammenhang, der ihnen ihre Bedeutung gegeben hätte.
Hat jemand sie verloren? Wurde ein Kranz abgelegt? War ein Held in diesem Raum?
Vielleicht ist er bereits gegangen. Vielleicht sind die Blätter die letzten Zeugen einer Anwesenheit, die sich nicht mehr beweisen lässt. Der Held bleibt unsichtbar, der Kranz ist verschwunden. Am Boden liegen drei Blätter, mögliche Zeichen eines Ruhmes, dessen Träger nicht mehr anwesend ist.
Hier verschränken sich die beiden Bedeutungen von leaves. Die Blätter könnten Reste eines Lorbeerkranzes sein; to leave könnte die Bewegung dessen bezeichnen, der den Kranz getragen hat und fortgegangen ist. Die Blätter wären dann nicht nur von ihrem ursprünglichen Ort entfernt, sondern auch das, was jemand zurückgelassen hat: Zeichen einer Abwesenheit, Spuren eines Menschen, dessen Geschichte sich unserer Kenntnis entzieht.
Doch vielleicht ist es gerade umgekehrt. Vielleicht hat niemand die Blätter verloren, vielleicht war nie ein Held in diesem Raum. Die Vorstellung des Lorbeerkranzes könnte erst in unserem Blick entstehen, weil wir drei Blätter sehen und nach einer Geschichte für sie suchen. Dann wäre der Held nicht der Ursprung der Blätter, sondern eine Figur, die wir hinzuerfinden. Wir verlassen den unmittelbaren Anblick und betreten eine mögliche Geschichte.
Während der Blick durch die Bilder Camesis in eine unbestimmte Ferne hinausgeht, sind die Blätter von anderswo hereingekommen. Sie bringen die Erinnerung an einen konkreten anderen Ort mit. Die Vorstellung des Lorbeerkranzes fügt eine weitere Bewegung hinzu: Jemand könnte diesen Raum verlassen haben. Was von ihm bliebe, wären drei Blätter.
Vor vielen Jahren schenkte ich einem Freund und Liebhaber des Museums kleine, handgroße Orangen aus Murano-Glas, die ich selbst in Murano gekauft hatte. Als wir uns kürzlich über die grünen Glasblätter unterhielten, sagte er: „Nun muss ich die Orangen ja mit ganz anderen Augen sehen.“
Er hat recht. Die kleinen, kostbaren Orangen tragen noch immer ihre grünen Blätter. Diese sind das genaue Gegenteil der übergroßen Blätter Raimund Kummers: hier die kleinen Blätter an den Früchten, dort die großen, allein auf dem Boden liegenden Formen. Und doch besitzen sie genau denselben Grünton.
Schon lässt sich eine weitere Verbindung durch das Museum ziehen. Sie führt zu Erwin Wortelkamps Arbeit Orangen für Hans von Marées, die sich unmittelbar auf die Fresken von Hans von Marées in Neapel bezieht. Ausgehend von den grünen Blättern Kummers öffnet sich so ein Geflecht von Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kunstwerken, persönlichen Erinnerungen und künstlerischen Auseinandersetzungen.
Vielleicht genügt ein scheinbar unscheinbares Detail, um die Wahrnehmung zu verändern. Jeder Besucher entdeckt möglicherweise eine eigene Geschichte – und eine Welt, die sich erst im Betrachten eröffnet. Gerade darin liegt vielleicht die eigentümliche Spannung dieser Konstellation. Die Blätter sind schwer und wirken leicht, sie sind unvergänglich und erinnern an Vergänglichkeit. Ihr Grün hält die Zeit scheinbar an, während ihre Lage auf dem Boden an das erinnert, was fällt, vergeht und zurückbleibt.
Leaves
Blätter, die einen Ort verlassen haben. Blätter, die jemand zurückgelassen haben könnte. Blätter, die vielleicht einmal zu einem Kranz gehörten, der einen Sieger oder Helden auszeichnete.
Was bleibt von einem Ort, wenn etwas ihn verlassen hat? Was bleibt von einem Menschen, wenn er fortgegangen ist? Und was nimmt dasjenige mit, das anderswo wieder auftaucht?
Vielleicht sind die drei Blätter Hinterlassenschaften eines Ortes, an dem Geschichte in den Boden eingeschrieben ist. Vielleicht sind sie verlorene Blätter eines Lorbeerkranzes. Vielleicht sind sie einfach drei grüne Glasblätter, die durch ihre Fremdheit unsere Vorstellungskraft in Bewegung setzen.
Wir wissen es nicht. Wir sehen drei Blätter, die nicht welken, obwohl sie gefallen sind. Sie liegen schwer auf dem Boden und sehen aus, als könnten sie jeden Augenblick fortgetragen werden.
Doch sie bleiben.
Die Geschichte der Blätter
Raimund Kummer hielt sich 1993 als Stipendiat der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo in Rom auf. In dieser Zeit entstand Via Vetro Verde. Für die Installation legte er zahlreiche grüne Glasblätter in die freigelegten Spuren einer antiken Straße am Lago di Nemi. Der Weg führte einst zum Heiligtum der Diana. Kummer brachte sein zeitgenössisches Werk damit an einen Ort, dessen Geschichte weit über die römische Antike hinausreicht.
Der Lago di Nemi liegt südöstlich von Rom, eingebettet in die bewaldeten Hänge der Albaner Berge. Der See und seine Umgebung besitzen eine besondere historische Tiefe. Hier befand sich das Heiligtum der Diana Nemorensis, umgeben von einem heiligen Wald. Diana[1] wurde als Göttin verehrt, die mit Wald und Natur, Fruchtbarkeit und Geburt verbunden war.[2] Das Heiligtum gehörte zu den bedeutenden Kultstätten des antiken Latiums; seine Ursprünge reichen in die vorrömische Zeit zurück. Die Landschaft war damit nicht allein Natur, sondern zugleich religiöser Raum. Der Wald, der See und die Wege, die zum Heiligtum führten, bildeten einen Zusammenhang, in dem sich menschliche Vorstellungen, Rituale und Überlieferungen über lange Zeit erhalten hatten.
Mit dem Heiligtum von Nemi verbindet sich auch die Überlieferung des Rex Nemorensis, des „Königs des heiligen Hains“. Antike Autoren berichten, dass der Priester der Diana seine Stellung in einem Kampf gegen einen Herausforderer verteidigen musste. Die Einzelheiten dieser Überlieferung sind historisch nicht zweifelsfrei zu klären. Sie zeugen jedoch von der geheimnisvollen Aura, die diesen Kultort bereits in der Antike umgab.[3]
Jahrhunderte später erhielt der See eine andere Bedeutung. Kaiser Caligula ließ im ersten Jahrhundert nach Christus zwei gewaltige Schiffe auf dem Lago di Nemi errichten. Ihre aufwendige Ausstattung und ihre technischen Einrichtungen zeugten von außergewöhnlichem Aufwand. Die Schiffe gehörten zu einer Welt kaiserlicher Macht und Repräsentation, deren Spuren sich hier mit der älteren Geschichte des Heiligtums überlagerten. Nach dem Ende ihrer Nutzung versanken ihre Überreste im See. Erst im 20. Jahrhundert wurden sie geborgen und in dem eigens errichteten Museo delle Navi Romane ausgestellt. Die Bergung machte eine versunkene Vergangenheit materiell erfahrbar. Im Zweiten Weltkrieg wurden die geborgenen Schiffe bei einem Brand im Museum zerstört.
Am Lago di Nemi begegnen sich somit unterschiedliche Zeitschichten: der heilige Ort der Diana, die religiösen Überlieferungen des Hains, die Macht des römischen Kaiserreichs, die Spuren einer antiken Straße und die Wiederentdeckung einer versunkenen Vergangenheit. Nicht alles ist erhalten geblieben. Manches ist verschwunden, anderes nur noch fragmentarisch vorhanden. Die Geschichte des Ortes erschließt sich aus Überresten, archäologischen Funden und Erzählungen, die das Vergangene in die Gegenwart tragen. Vielleicht liegt gerade darin ein Teil seiner besonderen Aura: in der Nähe dessen, was einst da war, und zugleich in der Unmöglichkeit, es vollständig zurückzugewinnen.
In diese geschichtliche Landschaft legte Kummer seine grünen Glasblätter. Sie waren keine archäologischen Funde und gehörten keiner der vergangenen Epochen an. Sie traten in eine Umgebung ein, deren Bedeutung von all diesen Geschichten geprägt war. Das Glas bewahrte ihre Form und verlieh ihnen eine Dauer, die natürlichen Blättern versagt bleibt. Zugleich standen sie in Beziehung zu einer Vergangenheit, in der auch das Verschwundene und Verlorene gegenwärtig blieb.
Via Vetro Verde verband für kurze Zeit die Gegenwart mit einer Vergangenheit, die in ihren Überresten fortbestand. Die Blätter lagen auf den Spuren eines alten Weges, ohne selbst zu historischen Zeugnissen zu werden. Sie gehörten ihrer eigenen Zeit an und trafen doch auf eine viel ältere. Vielleicht liegt darin die stille Besonderheit dieser Arbeit: Sie machte für einen Augenblick sichtbar, wie Gegenwart und Vergangenheit einander berühren können.
Günther Schloß, 2026
Literatur
Kummer, Raimund (Hg.): Via Vetro Verde. Museo delle Navi Romane, Nemi / Accademia Tedesca – Villa Massimo, Rom, 1993. Ausstellungskatalog, 31 Seiten, mit Abbildungen. Texte von J. Schilling und P. Friese.
Banz, Claudia / Schreier, Christoph (Hg.): Raimund Kummer. For Your Eyes Only. Werke 1978–2009. Kerber Verlag, Bielefeld/Leipzig, 2009. Ausstellungskatalog, Kunstmuseum Bonn.
Strabon, Geographika, 5, 3, 12; Ovid, Fasti, 3, 263–272; sowie C. M. C. Green, Roman Religion and the Cult of Diana at Aricia, Cambridge University Press, 2007. https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Strabo/home.html (Stand: 24.10.2026).
[1] Diana war in der römischen Religion die Göttin der Jagd, der Wälder und der wilden Natur. Sie wurde außerdem mit Geburt und Schutz von Frauen und Kindern verbunden. Ihr griechisches Gegenstück war Artemis.
[2] Strabon, Geographika, V, 3, 12. Englische Übersetzung: H. L. Jones, The Geography of Strabo, Loeb Classical Library. Online verfügbar: https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Strabo/5C*.html (Abschnitt 12; (Stand: 24.10.2026).
[3] Vgl. Sueton, Caligula, 35, 3; Pausanias, Beschreibung Griechenlands, 2, 27 ,4. Zur Deutung des Rex Nemorensis s. James George Frazer, The Golden Bough: A Study in Magic and Religion, Kapitel I: „The King of the Wood“.

